Sigurd der Fafnirstöter - aus der Edda

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Sigurd/Siegfried der Drachentöter: Standbild im Bürgerpark Bremen

Sigurd tötet den Drachen Fafnir, was ihm den Beinamen "Fafni(r)sbani" ("Drachentöter") einträgt. Danach badet Sigurd im Blut des Drachen und isst sein Herz, was ihm die Unverwundbarkeit verschafft. Durch das Trinken des Herzbluts des Drachen versteht er auch die Vögel und ihre Wahrsagungen. 

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Aus der Edda (Codex Regius), 1851 durch Karl Simrock übersetzt:

Sigurdharkvida Fafnisbana fyrsta edha Grîpisspâ

Das erste Lied von Sigurd dem Fafnirstöter oder Gripirs Weissagung

Gripir hieß ein Sohn Eilimis, der Hiördis Bruder. Er beherrschte die Lande und war aller Männer weisester; auch wußte er die Zukunft. Sigurd ritt allein und kam zur Halle Gripirs. Sigurd war leicht erkennbar. Vor dem Tor der Halle kam er mit einem Mann ins Gespräch, der sich Geitir nannte. Da verlangte Sigurd von ihm Bescheid und sprach:

  1. Wie heißt, der hier die Halle bewohnt?
    Wie nennen die Leute den König des Landes?
  2. Geitir:
    Gripir heißt der Herrscher der Männer,
    Der des festen Lands und der Leute waltet.
  3. Sigurd:
    Ist der hehre Fürst daheim im Land?
    Kann der König mit mir zu reden kommen?
    Der Unterredung bedarf ein Unbekannter:
    Bald begehr ich Gripirn zu finden.
  4. Geitir:
    Der gute König wird Geitirn fragen
    Wie der Mann genannt sei, der nach ihm fragt.
  5. Sigurd:
    Sigurd heiß ich, Sigmunds Erzeugter;
    Hiördis heißt des Helden Mutter. -
  6. Da ging Geitir Gripirn zu sagen:
    "Ein Unbekannter ist angekommen;
    Von Antlitz edel ist er zu schauen,
    Der gern zusammen käme, König, mit dir."
  7. Aus dem Gemach ging der mächtige Fürst
    Und grüßte freundlich den fremden König:
    "Nimm vorlieb hier, Sigurd; was kamst du nicht längst?
    Du geh, Geitir, nimm den Grani ihm ab."
  8. Sie begannen zu sprechen und sagten sich manches,
    Da die ratklugen Recken sich fanden.
    "Melde mir, magst du's. Mutterbruder,
    Wie wird dem Sigurd das Leben sich wenden?"
  9. Gripir:
    Du wirst der mächtigste Mann auf Erden,
    Der edelste aller Fürsten geachtet.
    Im Schenken schnell und säumig zur Flucht,
    Ein Wunder dem Anblick und weiser Rede.
  10. Sigurd:
    Laß, Fürst, erfahren genauer als ich frage,
    Weiser, den Sigurd, wähnst du's zu schauen:
    Was wird mir Gutes begegnen zuerst,
    Wenn ich hinging von deinem Hofe?
  11. Gripir:
    Zuvörderst erfichst du dem Vater Rache
    Und dem Eilimi Ahndung alles Leides.
    Du wirst die harten Hundings Söhne,
    Die schnellen, fällen und den Sieg gewinnen.
  12. Sigurd:
    Sag, edler König, mir Anverwandter,
    Gib volle Kunde, da wir freundlich reden.
    Siehst du Sigurds Siege voraus,
    Die zuhöchst sich heben unter des Himmels Rändern?
  13. Gripir:
    Du fällst allein den gefräßigen Wurm,
    Der glänzend liegt auf Gnitaheide.
    Beiden Brüdern bringst du den Tod,
    Regin und Fafnirn: vor sieht's Gripir.
  14. Sigurd:
    Schätze gewinn ich, wenn so mir gelingt
    Zu kämpfen mit Männern wie du mir kund tust.
    Im Geiste erforsche ferner und sage mir,
    Wie lenkt mein Lebenslauf sich hernach?
  15. Gripir:
    Finden wirst du Fafhirs Lager,
    Wirst heimführen den glänzenden Hort,
    Mit Golde beladen Granis Rücken
    Und zu Giuki reiten, kampfrüstiger Held.
  16. Sigurd:
    Noch sollst du dem Fürsten in freundlicher Rede,
    Weitschauender König, weiteres künden.
    Gast war ich Giukis, nun geh ich von dannen:
    Wie lenkt mein Lebenslauf sich hernach?
  17. Gripir:
    Auf dem Felsen schläft die Fürstentochter
    Hehr im Harnisch nach Helgis Tode:
    Mit scharfem Schwerte wirst du schneiden,
    Die Brünne trennen mit Fafnirs Töter.
  18. Sigurd:
    Die Brünne brach, nun redet die Braut,
    Die schöne, so vom Schlaf erweckt.
    Was soll mit Sigurd die Sinnige reden,
    Das zum Heile mir Helden werde?
  19. Gripir:
    Sie wird dich Reichen Runen lehren,
    Alle, die Menschen wissen möchten,
    Dazu in allen Zungen reden,
    Und heilende Salben: so Heil dir, König!
  20. Sigurd:
    Nun laß es gelungen sein, gelernt die Stäbe,
    Von dannen zu reiten bin ich bereit;
    Im Geist erforsche ferner und sage mir,
    Wie lenkt mein Lebenslauf sich hernach?
  21. Gripir:
    Du wirst zu Heimirs Behausung kommen,
    Wirst dem Volksfürsten ein froher Gast sein.
    Zu End ist, Sigurd, was ich voraus sah:
    Nicht fürder sollst du Gripirn fragen.
  22. Sigurd:
    Nun schafft mir Sorge das Wort, das du sagtest,
    Denn Ferneres siehst du, Fürst, voraus.
    Weißt du unsägliches Unheil dem Sigurd,
    Darum du, Gripir, nicht gerne redest?
  23. Gripir:
    Mir lag der Lenz deines Lebens
    Hell vor Augen anzuschauen.
    Nicht mit Recht bin ich ratklug genannt,
    Noch vorwissend: was ich wußte, sprach ich.
  24. Sigurd:
    Auf Erden ahn ich den andern nicht,
    Der so vieles, Gripir, vorschaut als du.
    Nicht sollst du mir bergen was Böses ist,
    War es auch Meintat, in meinem Geschick.
  25. Gripir:
    Nicht Laster liegen in deinem Lose,
    Halt das, herrlicher Held, im Gedächtnis.
    Dieweil die Welt steht wird erhaben,
    Schlachtgebieter, bleiben dein Name.
  26. Sigurd:
    Trennen, seh ich, muß sich nun trauernd
    Von dem Seher Sigurd, da es so sich fügt.
    Weise den Weg (gewiß ist doch alles)
    Mir, Mutterbruder, vermagst du es doch.
  27. Gripir:
    Nun will ich Sigurden alles sagen,
    Da mich drängt der Degen dazu.
    Wisse gewiß, die Wahrheit ist es:
    Dir ist ein Tag zum Tode bestimmt.
  28. Sigurd:
    Nicht reizen will ich dich, reicher König,
    Deinen guten Rat nur, Gripir, erlangen.
    Wissen will ich und sei es auch widrig,
    Welch Schicksal weißt du Sigurds warten?
  29. Gripir:
    Eine Maid ist bei Heimir, herrlich von Antlitz,
    Mit Namen ist sie Brünhild genannt,
    Die Tochter Budlis; aber der teure
    Heimir erzieht die hartgesinnte.
  30. Sigurd:
    Was mag mir schaden, ob schön die Maid
    Von Antlitz sei, die Heimir aufzieht?
    Das sollst du mir, Gripir, von Grunde melden,
    Denn alles Schicksal schaust du voraus.
  31. Gripir:
    Schier alle Freude führt dir dahin
    Die Schöne von Antlitz, die Heimir aufzieht.
    Schlaf wirst du nicht schlafen, nicht schlichten und richten,
    Die Männer meiden, du sähst denn die Maid.
  32. Sigurd:
    Was lindert das leidige Los dem Sigurd?
    Sage mir, Gripir, siehst du's voraus.
    Mag ich die Maid um Mahlschatz kaufen,
    Des Volksgebieters blühende Tochter?
  33. Gripir:
    Ihr werdet euch alle Eide leisten,
    Hoch und heilig, doch wenige halten.
    Warst du Giukis Gast eine Nacht,
    So hat Heimirs Maid dein Herz vergessen.
  34. Sigurd:
    Wie so denn, Gripir? Sage mir an.
    Weißt du Wankelmut in meinem Wesen?
    Werd ich mein Wort nicht bewähren der Maid?
    Ich schien sie zu lieben aus lauterm Herzen.
  35. Gripir:
    Das wirst du, Fürst, durch fremde Tücke;
    Der Räte Grimhilds wirst du entgelten:
    Die Weißgeschleierte wird sie dir bieten,
    Die eigene Tochter: so betrügt sie dich, König!
  36. Sigurd:
    Schließ ich Verschwägerung mit Giukis Geschlecht
    Und gehe den Bund mit Gudrun ein,
    Wohl gefreit hätte der Fürst,
    Müßt ich mich nicht um Meineid ängstigen.
  37. Gripir:
    Grimhild wird dich gänzlich betören:
    Sie bringt dich dazu, um Brünhild zu werben
    Zu Händen Gunnard des Gotenkönigs.
    Zu früh gelobst du die Fahrt des Fürsten Mutter.
  38. Sigurd:
    Meintaten geschehen, das merk ich wohl:
    Übel wankt Sigurds Wille,
    Wenn ich werben muß um die wonnige Maid
    Einem andern zu Handen, der ich hold bin selber.
  39. Gripir:
    Ihr werdet euch alle Eide leisten,
    Gunnar und Högni, und du, Held, der dritte.
    Unterwegs wechselt ihr Wuchs und Gestalt,
    Du und Gunnar: Gripir lügt nicht!
  40. Sigurd:
    Warum tun wir das? Warum täuschen
    Wir unterwegs Wuchs und Gestalt?
    Schon fürcht ich, es folge noch andre Falschheit,
    Gar grimme: sprich, Gripir, weiter.
  41. Gripir:
    Du hast nun Gunnars Gang und Gestalt;
    Hast eigne Rede und edeln Sinn.
    So verlobst du dich dem erlauchten
    Hutkind Heimirs: das verhütet niemand!
  42. Sigurd:
    Das Schlimmste scheint mir, Sigurd gilt dann
    Dem Volk für falsch, fügt es sich so.
    Ungern möcht ich mit Arglist trügen
    Die Heldentochter, die ich die hehrste weiß.
  43. Gripir:
    Liegen wirst du, Lenker des Heers,
    Keusch bei der Maid wie bei der Mutter.
    Drum wird erhaben so lange die Welt steht,
    Volksgebieter, dein Name bleiben.
  44. Zumal werden beide Bräute vermählt,
    Sigurds und Gunnars, in Giukis Sälen.
    Wieder wechseltet ihr Wuchs und Gestalt
    Daheim, nicht das Herz: das behielt jedweder.
  45. Sigurd:
    Wird gute Gattin Gunnar erwerben,
    Der herrliche Held? Verhehl es nicht, Gripir,
    Wenn des Degens Braut bei mir drei Nächte,
    Die hochherzge, lag? Unerhört ist solches.
  46. Wie mag zur Freude noch frommen danach
    Der Männer Verwandtschaft? Melde mir, Gripir.
    Wird Glück dem Gunnar danach noch gönnen
    Solche Sippe, oder selber mir?
  47. Gripir:
    Dir gedenkt der Eide, mußt dennoch schweigen.
    Zwar Gudrunen liebst du in guter Ehe;
    Doch bös verbunden dünkt Brünhild sich,
    Die Schlaue sinnt sich Rache zu schaffen.
  48. Sigurd:
    Was wird zur Buße der Brünhild genügen,
    Da wir mit Tücke betrogen die Frau?
    Eide geschworen hab ich der Edeln
    Und nicht gehalten; auch hat sie nicht Frieden.
  49. Gripir:
    Die Grimme geht dem Gunnar sagen,
    Ihm habest du übel die Eide gehalten,
    Da dir der Herrscher von ganzem Herzen doch,
    Giukis Erbe, Vertrauen gönnte.
  50. Sigurd:
    Wie ergeht das, Gripir? Gib mir Bescheid.
    Werd ich schuldig sein in dieser Sache,
    Oder verlügt mich das löbliche Weib,
    Und sich auch selber? Sage mir, Gripir.
  51. Gripir:
    Aus Herzensharm wird die hehre Frau
    Und aus Überschmerz euch Unheil fügen.
    Du gabst der Guten nicht Grund dazu,
    Obwohl ihr die Königin mit Listen kränktet.
  52. Sigurd:
    Wird ihrem Reizen der ratkluge Gunnar,
    Guthorm und Högni, dann Folge geben?
    Werden Giukis Söhne in mir Gesipptem
    Die Schwerter röten? Rede, Gripir.
  53. Gripir:
    Der Gudrun vergeht vor Grimm das Herz,
    Wenn dir ihre Brüder Verderben raten.
    Ledig lebt aller Lust
    Das weise Weib: das wirkte Grimhild.
  54. Dir bleibt der Trost, Gebieter der Heerschar,
    Die Fügung fiel auf des Fürsten Leben:
    So edeln Mann wird die Erde nicht mehr
    Noch die Sonne schauen, Sigurd, als dich.
  55. Sigurd:
    Heil uns beim Scheiden! Das Geschick bezwingt man nicht.
    Mir ward der Wunsch hier, Gripir, gewählt.
    Du hättest gerne mehr Glück verheißen
    Meinem Lebenslauf, lag es an dir.

Sigurdharkvida Fafnisbana önnur

Das andere Lied von Sigurd dem Fafnirstöter

I.

Sigurd ging zu Hialpreks Gestüt und wählte sich daraus einen Hengst, der seitdem Grani genannt wurde. Da war zu Hialprek Regin gekommen, Hreidmars Sohn. Er war über alle Männer kunstreich, dabei ein Zwerg von Wuchs. Er war weise, grimm und zauberkundig. Regin übernahm Sigurds Erziehung und Unterricht und liebte ihn sehr. Er erzählte dem Sigurd von seinen Voreltern und den Abenteuern, wie Odin, Hönir und Loki einst zu Andwaris Wasserfall kamen. In diesem Wasserfall war eine Menge Fische. Ein Zwerg, der Andwari hieß, war lange in dem Wasserfall in Hechtsgestalt und fing sich da Speise. "Otr hieß unser Bruder", sprach Regin, "der fuhr oft in den Wasserfall in Otters Gestalt. Da hatte er einst einen Lachs gefangen und saß am Flußrand und aß blinzelnd. Loki warf ihn mit einem Stein zu Tode. Da dauchten sich die Asen sehr glücklich gewesen zu sein und zogen dem Otter den Balg ab. Denselben Abend suchten sie Herberge bei Hreidmar und zeigten ihm ihre Beute. Da griffen sie sie mit Händen und legten ihnen Lebenslösung auf: sie sollten den Otterbalg mit Gold füllen und außen mit rotem Golde bedecken. Da schickten sie Loki aus, das Gold zu beschaffen. Er kam zu Ran und erhielt ihr Netz und warf das Netz vor den Hecht und er lief in das Netz. Da sprach

  1. Loki:
    Was für ein Fisch ist's, der in der Flut rennt,
    Kann sich vor Witz nicht wahren?
    Aus Hels Hause löse dein Haupt nun
    Und schaffe mir glänzende Glut.
  2. Andwari, der Hecht:
    Andwari heiß ich, Oïn hieß mein Vater;
    Durch manchen Flußfall fuhr ich.
    Früh fügte mir eine feindliche Norne,
    Ich sollt im Wasser waten.
  3. Loki:
    Sage mir, Andwari, so du anders willst
    Bei Menschen länger leben,
    Welche Strafe wird Menschensöhnen,
    Die sich mit Lug verletzen?
  4. Andwari:
    Harte Strafe wird Menschensöhnen,
    Die in Wadgelmir waten.
    Wer mit Unwahrheit den andern verlügt,
    Überlang schmerzen die Strafen.

Loki sah all das Gold, das Andwari besaß. Aber als dieser das Gold entrichtet hatte, hielt er einen Ring zurück. Loki nahm ihm auch den hinweg. Da ging der Zwerg in den Stein und sprach:

  1. Nun soll das Gold, das Gust hatte,
    Zweien Brüdern das Ende bringen
    Und der Edelinge acht verderben:
    Mein Gold soll keinem zu Gute kommen.

Die Asen entrichteten dem Hreidmar den Schatz, füllten den Otterbalg und stellten ihn auf die Füße. Da sollten die Asen das Gold darum legen und den Otter hüllen. Aber als es getan war, ging Hreidmar hinzu und sah ein Barthaar und hieß auch das hüllen. Da zog Odin den Ring Andwara-Naut hervor und hüllte das Haar.

  1. Loki:
    Ich gab dir das Gold, Entgeltung ward dir,
    Herrliche, meines Hauptes.
    Deinem Sohne schafft es keinen Segen
    Es bringt euch beiden den Tod.
  2. Hreidmar:
    Gaben gabst du, nicht Liebesgaben,
    Gabst nicht aus holdem Herzen.
    Eures Lebens wärt ihr ledig,
    Wußt ich diese Gefähr zuvor.
  3. Loki:
    Noch übler ist was zu ahnen mich dünkt,
    Der Künftigen Kampf um ein Weib.
    Ungeboren noch acht ich die Edelinge,
    Die um den Hort sich hassen.
  4. Hreidmar:
    Das rote Gold ist mir vergönnt.
    Denk ich, so lang ich lebe.
    Deine Drohungen fürcht ich keinen Deut;
    Aber hebt euch heim von hinnen.

Fafnir und Regin verlangten von Hreidmar Verwandten-Buße wegen ihres Bruders Otr. Er aber sagte nein dazu. Da tötete Fafnir seinen Vater Hreidmar mit dem Schwert, als er schlief. Hreidmar rief seinen Töchtern:

  1. Lyngheid und Lofnheid! Mein Leben ist aus,
    Um Rache trauer ich Betrübter.
  2. Lyngheid:
    Die Schwester mag selten, wenn der Vater erschlagen ist,
    Der Brüder Verbrechen ahnden.
  3. Hreidmar:
    Erzieh ein Mädchen, wolfherzige Maid,
    Entspringt deinem Schoße nicht ein Sohn;
    Gib der Maid einen Mann, es mahnt die Not:
    So soll ihr Sohn uns Rache schaffen.

Da starb Hreidmar; aber Fafnir nahm das Gold. Da verlangte auch Regin sein Vatererbe. Aber Fafnir sagte nein dazu. Da suchte Regin Rat bei Lyngheid, seiner Schwester, wie er sein Vatererbe erlangen solle. Sie sprach:

  1. Vom Bruder erbitte brüderlich
    Das Erb und edlern Sinn.
    Nicht steht es dir zu, mit dem Schwerte
    Von Fafnir zu fordern das Gut.

Diese Dinge erzählte Regin dem Sigurd. Jenes Tages, da er zu Regins Hause kam, wurde er wohl empfangen. Regin sprach:

  1. Nun ist Sigmunds Sohn gekommen,
    Der hurtige Held, zu unserm Haus;
    Mut hat er mehr als ich alter Mann:
    Bald kommt mir Kampf von dem kühnen Wolf.
  2. Ich habe des heerkühnen Helden zu pflegen,
    Der uns ein Enkel Yngwis kam.
    Er wird der Männer Mächtigster werden.
    Laut umreist die Welt des Schicksals Gewebe.

Sigurd blieb nun beständig bei Regin und da sagte er dem Sigurd, daß Fafnir auf der Gnitaheide läge in Wurmgestalt. Er hatte den Ögishelm, vor dem alles Lebende sich entsetzte. Regin schuf dem Sigurd ein Schwert, Gram genannt: das war so scharf, daß er es in den Rhein steckte und ließ eine Wollflocke den Strom hinab treiben: da zerschnitt das Schwert die Flocke wie das Wasser. Mit diesem Schwert schlug Sigurd Regins Amboß entzwei. Danach reizte Regin den Sigurd, den Fafnir zu töten: er aber sprach:

  1. Laut würden Hundings Söhne lachen,
    Die um sein Leben Eilimi brachten,
    Wenn mich, einen König, mehr verlangte
    Nach roten Ringen als nach Vaterrache.

II

König Hialprek gab dem Sigurd Schiffsvolk zur Vaterrache. Da traf sie ein gewaltiges Unwetter, so daß sie vor einem Vorgebirge halten mußten. Ein Mann stand am Berg und sprach:

  1. Wer reitet dort auf Räwils Hengsten
    Über wilde Wogen und wallendes Meer?
    Vom Schweiße schäumen die Segelpferde:
    Die Wellenrosse werden den Wind nicht halten.
  2. Regin:
    Hier sind wir mit Sigurd auf Seebäumen:
    Wir fanden Fahrwind in den Tod zu fahren.
    Über die Schiffsschnäbel schlägt uns das Meer:
    Die Flutrosse fallen; wer fragt danach?
  3. Der Mann:
    Hnikar hieß man mich, wenn ich Hugin erfreute,
    Junger Wölsung, auf der Walstatt.
    Nun magst du mich nennen den Mann vom Berge,
    Feng oder Fiölnir; Fahrt will ich schaffen.

Da legten sie ans Land; der Mann ging aufs Schiff und beschwichtigte das Wetter.

  1. Sigurd:
    Künde mir, Hnikar, du kennst die Zeichen
    Des Glücks bei Göttern und Menschen:
    Vor dem Gefecht was ist der erfreulichste
    Angang beim Schwerterschwingen?
  2. Hnikar:
    Manche sind gut, wenn Menschen sie wüßten,
    Angänge beim Schwerterschwingen.
    Gut dünkt mich zunächst des nachtschwarzen Raben
    Geleit dem Lenker der Schlachten.
  3. Gut auch ist der Angang, so du hinaus kommst
    Und stehst bereit zur Reise,
    Wenn zwei vor dem Hofe zum Zweikampf fertig stehn,
    Ruhmgierige Recken.
  4. Der Angang auch ist gut, wenn bei der Esche
    Du den Wolf hörst heulen:
    Über Helmträger hast du Sieg zu hoffen,
    Siehst du ihn vorwärts fahren.
  5. Stehe keiner beim Kampf entgegen
    Der spät scheinenden Schwester des Mondes.
    Die sollen siegen, die sehen können
    Wenn das Schwertspiel beginnt, der Schlachtkeil geordnet wird.
  6. Da fürchte Gefahr, wenn der Fuß dir strauchelt,
    So du zum Kampfe kommst.
    Trugdisen stehn dir zu beiden Seiten
    Und wollen dich verwundet sehn.
  7. Gekämmt und gewaschen sei der Kämpfer
    Und halte sein Mahl am Morgen:
    Ungewiß ist wo der Abend ihn findet,
    Und übel, vor der Zeit fallen.

Sigurd hielt eine große Schlacht mit Lyngwi, Hundings Sohn, und dessen Brüdern. Da fiel Lyngwi und die Brüder. Nach dem Kampf sprach Regin:

  1. Nun ist der Blutaar mit beißendem Schwert
    In den Rücken geschnitten Sigmunds Mörder.
    Kein Größerer je hat den Grund getötet
    Aller fürstlichen Erben, und die Raben erfreut.

Sigurd fuhr heim zu Hialprek. Da reizte Regin den Sigurd, daß er Fafnir töte.

Fafnismal

Das Lied von Fafnir

Sigurd und Regin fuhren aufwärts zur Gnitaheide und fanden da Fafnirs Weg, auf dem er zum Wasser kroch. Da machte Sigurd eine große Grube im Weg und stellte sich hinein. Als aber Fafnir von seinem Gold kroch, blies er Gift von sich und das fiel dem Sigurd von oben aufs Haupt. Als aber Fafnir über die Grube wegglitt, stach ihm Sigurd das Schwert ins Herz. Fafnir schüttelte sich und schlug mit Haut und Schweif. Da sprang Sigurd aus der Grube, wo dann einer den andern sah. Fafnir sprach:

  1. Gesell und Gesell, welcher Gesell erzeugte dich,
    Was bist du mir ein Menschenkind?
    Der in Fafnir färbtest den funkelnden Stahl;
    Mir haftet im Herzen dein Schwert.

Aber Sigurd verhehlte seinen Namen, weil es in alter Zeit Glaube war, daß eines Sterbenden Wort viel vermöchte, wenn er seinen Feind mit Namen verwünschte. Er sprach:

  1. Wundertier heiß ich, ich wank umher,
    Ein Kind, das keine Mutter kennt.
    Auch miß ich den Vater, den Menschen sonst haben,
    Ich gehe einsam, allein.
  2. Fafnir:
    Missest du den Vater, den Menschen sonst haben,
    Welches Wunder erzeugte dich?
  3. Sigurd:
    Mein Geschlecht ist dir schwerlich kund
    Und ich selber auch nicht.
    Sigurd heiß ich, Sigmund hieß mein Vater;
    Meine Waffe verwundete dich.
  4. Fafnir:
    Wer reizte dich? Wie ließest du dich reizen
    Mein Leben zu morden,
    Klaräugiger Knabe? Kühn war dein Vater:
    Dem Ungebornen vererbt er den Sinn.
  5. Sigurd:
    Mich reizte das Herz; die Hände vollbrachten's
    Und mein scharfes Schwert.
    Keiner ist kühn, wenn die Jahre kommen,
    Der von Kindesbeinen blöd war.
  6. Fafnir:
    Wärst du erwachsen an der Verwandten Brust,
    Man kennte dich kühn im Kampfe;
    In Haft bist du hier, ein Heergefangner:
    Stets, sagt man, bebt der Gebundne.
  7. Sigurd:
    Welcher Vorwurf, Fafnir, als ob ich fern war
    Meinem Mutterlande?
    Nicht war ich in Haft hier, auch als Heergefangner;
    Du fühlst wohl, daß ich frei bin.
  8. Fafnir:
    Einen Vorwurf findest du in freundlichem Wort;
    Aber eins verkünd ich dir:
    Das gellende Gold, der glutrote Schatz,
    Diese Ringe verderben dich.
  9. Sigurd:
    Goldes walten will ein jeder
    Stets bis an den einen Tag.
    Denn einmal muß jeder Mann doch
    Fahren von hinnen zu Hel.
  10. Fafnir:
    Du nimmst für nichts der Nornen Spruch,
    Mein Wort für unweise Rede.
    Doch ertrinkst du im Wasser, ob du beim Winde ruderst:
    Alles sterbt ihn, der sterben soll.
  11. Der Schreckenshelm schützte mich lange,
    Da ich über Kleinoden kroch;
    Allein daucht ich mich stärker als alle
    Und fand selten meinen Mann.
  12. Sigurd:
    Keinen mag schützen der Schreckenshelm,
    Wo Zornige kommen zu kämpfen.
    Wer mit vielen ficht befindet bald:
    Keiner ist allein der Kühnste.
  13. Fafnir:
    Gift blies ich, da ich auf dem Golde lag,
    Dem vielen, meines Vaters.
  14. Sigurd:
    Wohl warst du furchtbar, du funkelnder Wurm;
    Ein hartes Herz erhieltest du.
    Der Mut schwillt mächtig den Menschensöhnen,
    Die solchen Helm haben.
  15. Laß dich fragen, Fafnir, da du vorschauend bist
    Und wohl manches weißt:
    Welches sind die Nornen, die notlösend heißen
    Und Mütter mögen entbinden?
  16. Fafnir:
    Verschiedenen Geschlechts scheinen die Nornen mir
    Und nicht eines Ursprungs.
    Einige sind Asen, andere Alfen,
    Die dritten Töchter Dwalins.
  17. Sigurd:
    Laß dich fragen, Fafnir, da du vorschauend bist
    Und wohl manches weißt:
    Wie heißt der Holm, wo Herzblut mischen
    Surtur einst und Asen?
  18. Fafnir:
    Oskopnir (unvermeidlich) heißt er, wo alle Götter
    Dereinst mit Speeren spielen.
    Bifröst bricht eh beide sich scheiden
    Und im Strome schwimmen die Rosse.
  19. Nun rat ich dir, Sigurd, nimm an den Rat
    Und reit heim von hinnen.
    Das gellende Gold, der glutrote Schatz,
    Diese Ringe verderben dich.
  20. Sigurd:
    Rat ist mir geraten; ich reite dennoch
    Zu dem Hort auf der Heide.
    Du Fafnir lieg in letzten Zügen
    Bis du hin mußt zu Hel.
  21. Fafnir:
    Regin verriet mich, er verrät auch dich,
    Er bringt uns beiden den Tod.
    Sein Leben muß nun Fafnir lassen,
    Deine Macht bemeistert mich.

Regin war fortgegangen, während Sigurd Fafnirn tötete; er kam zurück, als Sigurd das Blut vom Schwerte wischte. Regin sprach:

  1. Heil dir nun, Sigurd, du hast Sieg erkämpft
    Und den Fafnir gefällt.
    Von allen Männern, die auf Erden wandeln,
    Acht ich dich den unverzagtesten.
  2. Sigurd:
    Ungewiß bleibt, wo alle vereint sind,
    Der Sieggötter Söhne,
    Welcher der unverzagteste ist:
    Mancher ist kühn, der die Klinge nie
    Barg in des andern Brust.
  3. Regin:
    Stolz bist du, Sigurd, und siegesfreudig,
    Da du Gram im Grase wischest.
    Den Bruder hast du mir umgebracht;
    Doch trag ich selbst der Schuld ein Teil.
  4. Sigurd:
    Du rietest dazu, daß ich reiten sollte
    Über die heiligen Berge her.
    Gut und Leben gegönnt war dem glänzenden Wurm,
    Triebest du mich nicht zur Tat.

Da ging Regin zu Fafnir und schnitt ihm das Herz aus mit dem Schwert, das Ridil heißt, und trank dann das Blut aus der Wunde.

  1. Regin:
    Sitze nun, Sigurd; ich schlafe derweil,
    Und halte Fafnirs Herz ans Feuer.
    Ich will das Herz zu essen haben
    Auf den Bluttrunk, den ich trank.
  2. Sigurd:
    Fern entflohst du, während in Fafnir ich
    Rötete das scharfe Schwert.
    Meine Stärke setzt ich wider den starken Wurm,
    So lange du auf der Heide lagst.
  3. Regin:
    Lange liegen ließest du auf der Heide
    Jenen alten Joten,
    Wenn du das Schwert nicht schwangst, das ich dir schuf,
    Die wohlgewetzte Waffe.
  4. Sigurd:
    Mut in der Brust ist besser als Stahl,
    Wo sich Tapfere treffen.
    Den Kühnen immer sah ich erkämpfen
    Mit stumpfem Schwerte den Sieg.
  5. Der Kühne mag besser als der Bange kann
    Sich im Kriegesspiel versuchen.
    Mehr gelingt dem Muntern als dem Mürrischen
    Was er hab in der Hand.

Sigurd nahm Fafnirs Herz und briet es am Spieß. Und als er dachte, daß es gar wäre, und der Saft aus dem Herzen schäumte, da stieß er daran mit seinem Finger und versuchte, ob es gar gebraten wäre. Er verbrannte sich und steckte den Finger in den Mund. Aber als Fafnirs Herzblut ihm auf die Zunge kam, da verstand er der Vögel Stimmen. Er hörte, daß Adlerinnen auf den Zweigen zwitscherten.

  1. Eine von den Adlerinnen:
    Da sitzt Sigurd blutbespritzt
    Und brät am Feuer Fafnirs Herz.
    Klug däuchte mich der Ringverderber,
    Wenn er das leuchtende Lebensfleisch äße.
  2. Die andere:
    Da liegt nun Regin und geht zu Rat
    Wie er trüge den Mann, der ihm vertraute;
    Sinnt in der Bosheit auf falsche Beschuldigung:
    Der Unheilschmied brütet dem Bruder Rache.
  3. Die dritte:
    Hauptes kürzer laß er den haargrauen Schwätzer
    Fahren von hinnen zu Hel.
    So soll er den Schatz besitzen allein,
    Wie viel des unter Fafnir lag.
  4. Die vierte:
    Er däuchte mich klug, gedächt er zu nützen
    Den Anschlag, Schwestern, den ihr wohl ersannt.
    Er berate sich rasch die Raben zu erfreuen,
    Denn den Wolf erwart ich, gewahr ich sein Ohr.
  5. Die fünfte:
    So klug ist nicht der Kampfesbaum,
    Wie ich den Heerweiser hätte gewähnt,
    Läßt er den einen Bruder ledig
    Und hat den andern umgebracht.
  6. Die sechste:
    Sehr unklug scheint er mir, schont er länger noch
    Den gemeingefährlichen Feind.
    Dort liegt Regin, der ihn verraten will;
    Er weiß sich davor nicht zu wahren.
  7. Die siebente:
    Um den Kopf kürz er den eiskalten Joten
    Und beraub ihn der Ringe.
    So sind die Schätze, die Fafnir besessen,
    Ihm allein zu eigen.
  8. Sigurd:
    So verrat mich das Los nicht, daß Regin sollte
    Mir zum Mörder werden:
    Beide Brüder sollen alsbald
    Fahren von hinnen zu Hel.

Sigurd hieb Regin das Haupt ab, und aß Fafnirs Herz und trank beider Blut, Regins und Fafnirs. Da hörte Sigurd, was die Adlerinnen sangen:

  1. Mit den roten Ringen bereife dich, Sigurd;
    Um Künftges sich kümmern ziemt Königen nicht.
    Ein Weib weiß ich, ein wunderschönes,
    Goldbegabt: war sie dir gegönnt!
  2. Zu Giuki gehen grüne Pfade:
    Dem Wandernden weist das Schicksal den Weg.
    Da hat eine Tochter der teure König:
    Die magst du, Sigurd, um Mahlschatz kaufen.
  3. Ein Hof ist auf dem hohen Hindarfiall
    Ganz von Glut umgeben außen.
    Ihn haben hehre Herrscher geschaffen
    Aus undunkler Erdenflamme.
  4. Auf dem Steine schläft die Streiterfahrene,
    Und lodernd umleckt sie der Linde Feind.
    Mit dem Dorn stach Ygg sie einst in den Schleier,
    Die Maid, die Männer morden wollte.
  5. Schaun magst du, Mann, die Maid unterm Helme,
    Die aus dem Gewühl trug Wingskornir das Roß.
    Nicht vermag Sigdrifas Schlaf zu brechen
    Ein Fürstensohn eh die Nornen es fügen.

Sigurd ritt auf Fafnirs Spur nach dessen Haus und fand es offen und die Türen von Eisen und aufgeklemmt. Von Eisen war auch alles Zimmerwerk am Haus, und das Gold war unten in die Erde gegraben. Da fand Sigurd großmächtiges Gut und füllte damit zwei Kisten. Da nahm er Ögishelm und die Goldbrünne und das Schwert Hrotti und viele Kostbarkeiten und belud Grani damit. Aber das Roß wollte nicht fortgehen, bis Sigurd auf seinen Rücken stieg.

Sigrdrifumal

Das Lied von Sigdrifa

Sigurd ritt hinauf nach Hindarfiall und wandte sich südwärts gen Frankenland. Auf dem Berge sah er ein großes Licht gleich als brennte ein Feuer, von dem es zum Himmel emporleuchtete. Aber als er hinzukam, stand da eine Schildburg und oben heraus ein Banner. Sigurd ging in die Schildburg und sah, daß da ein Mann lag und in voller Rüstung schlief. Dem zog er zuerst den Helm vom Haupt: da sah er, daß es ein Weib war. Die Brünne war fest als war sie ans Fleisch gewachsen. Da ritzte er mit Gram die Brünne durch vom Haupt herab und danach auch an beiden Armen. Darauf zog er ihr die Brünne ab; aber sie erwachte, richtete sich empor, sah den Sigurd an und sprach:

  1. Was zerschnitt mir die Brünne? Wie brach mir der Schlaf?
    Wer befreite mich der falben Bande?
  2. Sigurd:
    Sigmunds Sohn: eben zerschnitt
    Das Wehrgewand dir Sigurds Waffe.
  3. Sigdrifa:
    Lange schlief ich, lange hielt mich der Schlummer,
    Lange lasten Menschenlose.
    So waltete Odin, ich wußte nicht
    Die Schlummerrunen abzuschütteln.

Sigurd setzte sich nieder und fragte nach ihrem Namen. Da nahm sie ein Horn voll Met und gab ihm Minnetrank.

  1. Heil dir Tag, Heil euch Tagessöhnen,
    Heil dir Nacht und nährende Erde:
    Mit unzorngen Augen schaut auf uns
    Und gebt uns Sitzenden Sieg.
  2. Heil euch Asen, Heil euch Asinnen,
    Heil dir, fruchtbares Feld!
    Wort und Weisheit gewährt uns edeln zwein
    Und immer heilende Hände!

Sie nannte sich Sigdrifa und war Walküre. Sie erzählte, wie zwei Könige sich bekriegten: der eine hieß Hialmgunnar, der war alt und der größte Krieger, und Odin hatte ihm Sieg verheißen:

Der andre hieß Agnar, Adas Bruder:
Dem wollte niemand Schutz gewähren.

Sigdrifa fällte den Hialmgunnar in der Schlacht; aber Odin stach sie zur Strafe dafür mit einem Schlafdorn und sagte, von nun an solle sie nie wieder Sieg erfechten im Kampfe, sondern sich vermählen. "Aber ich sagte ihm, daß ich das Gelübde täte, mich keinem Manne zu vermählen, der sich fürchten könne." Sigurd antwortete und bat sie, ihn Weisheit zu lehren, da sie die Mären aus allen Welten wüßte.

  1. Sigdrifa:
    Bier bring ich dir, du Baum in der Schlacht,
    Mit Macht gemischt und Mannesruhm,
    Voll der Lieder und lindernder Sprüche,
    Guter Zauber voll und Freudenrunen.
  2. Siegrunen schneide, wenn du Sieg willst haben;
    Grabe sie auf des Schwertes Griff;
    Auf die Seiten einige, andere auf das Stichblatt
    Und nenne zweimal Tyr.
  3. Aelrunen kenne, daß des andern Frau
    Dich nicht trüge wenn du traust.
    Auf das Horn ritze sie und den Rücken der Hand
    Und mal ein N (Not) auf den Nagel.
  4. Die Füllung segne vor Gefahr dich zu schützen
    Und lege Lauch in den Trank.
    So weiß ich wohl wird dir nimmerdar
    Der Met mit Wein gemischt.
  5. Bergrunen schneide, wenn du bergen willst
    Und lösen die Frucht von Frauen,
    In die hohle Hand und hart um die Knöchel
    Und heische der Disen Hilfe.
  6. Brandungsrunen schneide, wenn du bergen willst
    Im Sund die Segelrosse;
    Aufs Steven sollst du sie und aufs Steuerblatt ritzen,
    Dabei ins Ruder brennen:
    Nicht so wild ist der Sturm, nicht so schwarz die Welle,
    Heil kommst du heim vom Meere.
  7. Astrunen kenne, wenn du Arzt willst sein
    Und Wunden wissen zu heilen.
    In die Rinde ritze sie und das Reis am Baum,
    Wo ostwärts die Äste sich wenden.
  8. Gerichtsrunen kenne, wenn du der Rache willst
    Deiner Schäden sicher sein.
    Die winde du ein, die wickle du ein
    Und setze sie alle zusammen
    Bei der Malstätte, wo Männer sollen
    Zu vollzähligem Gerichte ziehen.
  9. Geistrunen schneide, willst du klüger scheinen
    Als ein anderer Mann.
    Die ersann und sprach, die schnitt zuerst
    Odin, der sie auserdacht
    Aus der Flut, die geflossen war
    Aus dem Hirn Heiddraupnirs;
    Aus dem Horn Hoddraupnirs.
  10. Auf dem Berge stand er mit blankem Schwert,
    Den Helm auf dem Haupte.
    Da hub Mimirs Haupt an weise das erste Wort
    Und sagte wahre Stäbe.
  11. Auf dem Schilde stünden sie vor dem scheinenden Gott,
    Auf Arwakrs Ohr und Alswidrs Huf,
    Auf dem Rad, das da rollt unter Rögnirs Wagen,
    Auf Sleipnirs Zähnen, auf des Schlittens Bandern.
  12. Auf des Bären Tatze, auf Bragis Zunge,
    Auf den Klauen des Wolfs und den Krallen des Adlers,
    Auf blutigen Schwingen, auf der Brücke Kopf,
    Auf des Lösenden Hand und des Lindernden Spur.
  13. Auf Gold und Glas, auf dem Glück der Menschen,
    In Wein und Würze, auf der Wala Sitz,
    Auf Gungnirs Spitze und Granis Brust,
    Auf dem Nagel der Norn und der Nachteule Schnabel.
  14. Geschabt wurden alle, die geschnitten waren,
    Mit hehrem Met geheiligt
    Und gesandt auf weite Wege.
    Die sind bei den Asen, die bei den Alfen,
    Die bei weisen Wanen,
    Einige unter Menschen.
  15. Das sind Buchrunen, das sind Bergrunen,
    Dies alle Aelrunen
    Und rühmliche Machtrunen,
    Wer sie unverwirrt und unverdorben
    Walten läßt zu seinem Wohl.
    Lerne sie und laß sie wirken
    Bis die Götter vergehn.
  16. Wähle nun, da die Wahl dir geboten ist,
    Scharfer Waffenstamm:
    Sagen oder Schweigen ersinne dir selber;
    Alle Meintat hat ihr Maß.
  17. Sigurd:
    Nicht werd ich weichen, war gewiß mir der Tod,
    Ich bin nicht blöde geboren.
    Deinem treuen Rat vertrauen werd ich
    So lange mir Leben währt.
  18. Sigdrifa:
    Das rat ich zuvörderst, gegen Freunde stets
    Ledig zu leben aller Schuld.
    Sei zu Rache nicht rasch, wenn sie dir Unrecht tun,
    Das sagt man, taugt im Tode.
  19. Das rat ich zum andern, keinen Eid zu schwören,
    Der sich als wahr nicht bewährt.
    Grimme Fesseln folgen dem Meineid,
    Unselig ist der Schwurbrecher.
  20. Das rat ich zum dritten, daß du beim Dingmahl nicht
    Mit läppischen Leuten rechtest.
    Ein unkluger Mann kann oft doch sagen
    Schlimmere Dinge, denn er weiß.
  21. Schlimm bleiben sie stets, denn schweigst du dazu,
    So dünkst du blöde geboren,
    Oder nicht mit Unrecht angeklagt.
    Viel liegt am Leumund,
    Drum gib dir Müh um guten.
    Laß andern Tags sein Leben enden:
    So lohne den Leuten die Lüge.
  22. Das rat ich zum vierten, wenn eine Vettel, die
    Am Wege wohnt, der Schanden voll,
    Besser als bleiben dabei ist fortgehn,
    Übernähme dich auch die Nacht.
  23. Muntrer Augen braucht ein Menschensohn,
    Wo es kommt zu heißem Kampf.
    Am Wege sitzen böse Weiber oft,
    Die Schwert und Sinn betäuben.
  24. Das rat ich dir fünftens, wo du schöne Frauen
    Sitzen siehst auf den Bänken,
    Laß Weiberschönheit dir den Schlaf nicht rauben,
    Noch hoffe sie heimlich zu küssen.
  25. Das rat ich dir sechstens, wo Männer gesellig
    Worte wechseln hin und her,
    Trunken tadle nicht tapfre Männer:
    Manchem raubt der Wein den Witz.
  26. Tobende Trunkenheit hat Betrübnis schon
    Manchem Manne gebracht,
    Einigen Unheil, andern den Tod;
    Vielfältig ist das Leiden.
  27. Das rat ich zum siebenten, wo du zu schaffen hast
    Mit beherzten Helden,
    Mehr frommt fechten als in Feuer aufgehn
    Mit Hof und Halle.
  28. Das rat ich dir achtens. Unrecht zu meiden
    Und List und lose Tücke;
    Keine Maid verführe, noch des andern Gemahl,
    Verleite sie nicht zur Lüsternheit.
  29. Das rat ich dir neuntens, nimm dich des Toten an,
    Wo du im Feld ihn findest,
    Sei er siechtot oder seetot,
    Oder am Stahl gestorben.
  30. Ein Hügel hebe sich dem Hingegangenen,
    Gewaschen seien Haupt und Hand.
    Zur Kiste komm er gekämmt und trocken,
    Und bitte, daß er selig schlafe.
  31. Das rat ich zum zehnten, zögre zu trauen
    Gesipptem Freund des Feindes,
    Dessen Bruder du umbrachtest,
    Dessen Vater du fälltest:
    Dir steckt ein Wolf im unmündigen Sohn,
    Hat gleich ihn Gold beschwichtigt.
  32. Wähne Streit und Haß nicht eingeschlafen,
    Noch halte Harm für vergessen.
    Witz und Waffen wisse zu brauchen,
    Der von allen der erste sein will.
  33. Das rat ich dir elftens, betrachte das Übel,
    Welchen Weg es nehmen will.
    Nicht lange wähn ich des Königs Leben:
    Übler Trug ist angelegt.

Sigurd sprach: Kein weiseres Weib ist zu finden als du, und das schwör ich, daß ich dich haben will, denn du bist nach meinem Sinn. Sie antwortete: Dich will ich und keinen andern, hätt ich auch zu wählen unter allen Männern. Und dies befestigten sie unter sich mit Eiden.

Brot af Brynhildarkvidu

Bruchstück eines Brünhildenliedes

  1. Högni:
    Wie bist du, Gunnar, Giukis Erzeugter,
    Zur Rache bereit und mordlichem Rat?
    Was hat so Schweres Sigurd verbrochen,
    Daß du dem Kühnen willst kürzen das Leben?
  2. Gunnar:
    Mir hat Sigurd Eide geschworen,
    Eide geschworen und alle gebrochen.
    Treulos täuscht er mich, als er in Treue mir
    Seine Schwüre bewähren sollte.
  3. Högni:
    Dich hat Brünhild Böses zu tun
    Im Zorn gereizt zu Rachsucht und Mord.
    Gudrunen gönnt sie so gute Ehe nicht,
    Sie selbst zu besitzen, sie mißgönnt es dir. -
  4. Sie brieten Wolfsfleisch, den Wurm zerschnitten sie,
    Gaben dem Guthorm Geierfleisch
    Ehe sie mochten, die Mordgierigen,
    An den hehren Helden die Hände legen.
  5. Gesunken war Sigurd südlich am Rhein:
    Von hoher Heister schrie heiser ein Rabe:
    "In Euch wird Atli das Eisen röten;
    Eure Eide überwinden Euch, Mörder!"
  6. Außen stand Gudrun, Giukis Tochter;
    Dies war das erste Wort, das sie sprach:
    Wo säumt nun Sigurd, der Sieger der Männer,
    Daß meine Freunde zuvorderst reiten?
  7. Allein war's Högni, der Antwort gab:
    "Mit dem Schwert erschlagen den Sigurd haben wir;
    Den Kopf hängt das Grauroß über den toten König."
  8. Da sprach Brünhild, Budlis Tochter:
    "Nun werdet ihr walten des Lands und der Waffen:
    Die hätte der Hunnische beherrscht allein,
    Ließt ihr das Leben ihn länger behalten.
  9. "Nicht frommt es, herrschte der Fürst noch länger
    Über Giukis Erb und der Goten Menge,
    Wenn die Schar zu durchschneiden der Söhne fünf,
    Der kampfkühnen, der König hier zeugte."
  10. Da lachte Brünhild, die Burg rings erscholl;
    Es ging ihr wieder aus ganzem Herzen:
    "Lang mögt ihr walten des Lands und der Waffen,
    Da ihr den kühnen König fälltet."
  11. Da sprach Gudrun, Giukis Tochter:
    "Du freust dich frech der freveln Tat;
    Doch Geister ergreifen einst Gunnar den Mörder:
    Züchtigung ziemt dem zorngrimmen Herzen."
  12. Am tiefen Abend - getrunken war viel
    Und mancher Scherzspruch gesprochen dabei -
    Bald entschliefen die zu Bette kamen;
    Gunnar allein von allen wachte.
  13. Die Füße bewegt er, sprach viel mit sich selbst;
    Der Weiser der Wehrschar erwog im Herzen:
    Was sich geschwätzig wohl sagten die beiden,
    Aar und Rabe auf ihrem Heimritt?
  14. Brünhild erwachte, Budlis Erzeugte,
    Der Skiöldungen Tochter, eh der Tag erschien:
    "Nun mögt ihr mich mahnen, der Mord ist vollbracht!
    Mein Leid zu sagen, oder abzulassen.
  15. Grimmes sah ich, Gunnar, im Schlaf:
    Im Saal alles tot, ich schlief im kalten Bett,
    Dieweil du, König, kummervoll rittest
    Die Fessel am Fuß in der Feinde Heer:
    So soll, Niflungen, nun euer Geschlecht
    Die Macht missen, denn meineidig seid ihr.
  16. So gänzlich, Gunnar, vergaßest du's,
    Wie das Blut in die Fußspur euch beiden rann!
    Nun hast du das alles ihm übel gelohnt,
    Daß der Fürst der vorderste stets gefunden ward.
  17. Klar ward es erkannt, da geritten kam
    Zu mir der Mutige, mich dir zu werben,
    Wie der Wehrscharweiser wandellos
    Die Eide hielt dem jungen Helden.
  18. Das Schwert legte, das goldgeschmückte,
    Der mächtige König mitten zwischen uns,
    Mit Feuer außen die Ecken belegt,
    Mit Eitertropfen innen bestrichen."
  19. Sie schwiegen alle still bei dem Wort.
    Keinem gefiel solcher Frauenbrauch,
    Wie sie mit Weinen von dem Werk nun sprach,
    Zu dem sie lachend die Helden lud.

Hier ist in dem Lied gesagt von dem Tod Sigurds. Und geht es hier so zu, als hätten sie ihn draußen getötet; aber einige erzählen so, daß sie ihn erschlugen drinnen in seinem Bette, den schlafenden. Aber Männer sagen, daß sie ihn erschlugen draußen im Walde. Und so heißt es im alten Lied von Gudrun, daß Sigurd und Giukis Söhne zum Thing geritten waren, als sie ihn erschlugen. Aber das sagen alle einstimmig, daß sie ihn treulos betrogen und ihn mordeten liegend und wehrlos.

Sigurdarkvida Fafnisbana thridja

Das dritte Lied von Sigurd dem Fafnirstöter

  1. Einst geschah's, daß Sigurd Giuki besuchen kam,
    Der junge Wölsung, des Wurms Besieger.
    Mit beiden Brüdern schloß er den Bund;
    Eide schwuren sich die Unverzagten.
  2. Eine Maid bot man ihm und Menge des Schatzes,
    Die junge Gudrun, Giukis Tochter.
    Traulich tranken der Tage manchen
    Sigurd der junge und die Söhne Giukis.
  3. Bis sie um Brünhild zu bitten fuhren,
    Da sich auch Sigurd gesellte zu ihnen,
    Der junge Wölsung, den Weg zu zeigen;
    Sein wäre sie, wenn es das Schicksal wollte.
  4. Sigurd der südliche sein Schwert legt er,
    Die zierliche Waffe, mitten zwischen sie.
    Er küßte nicht die Königin,
    Der hunnische Held hob in den Arm sie nicht;
    Dem Erben Giukis gab er die junge.
  5. An seinem Leibe lag kein Tadel,
    Zu rügen war an dem Reinen nichts,
    Kein Fehl zu finden noch vorzugeben.
    Inmitten gingen grimme Nornen.
  6. Einsam saß sie außen, wenn der Abend kam,
    Irr vor Liebe ließ sie die Rede nicht:
    "Sterben will ich oder Sigurd hegen,
    Den alljungen Mann, in meinem Arm.
  7. Die rasche Rede, nun reut sie mich wieder:
    Seine Gattin ist Gudrun, da ich Gunnars bin.
    Üble Nornen schufen uns langes Unheil."
  8. Oft ging sie, ganz von Grimm erfüllt,
    Über Eis und Gletscher, wenn der Abend kam,
    Daß er und Gudrun zu Bette gingen
    Und Sigurd die Braut in die Decken barg,
    Der hunnische König, und koste die Frau.
  9. "Die Freud ist mir entfremdet, des Freunds entbehr ich,
    Nur Graun mag mich ergötzen und grimmer Sinn."
  10. So mahnte sie den Mut zum Mord im Zorn:
    "Ganz und gar sollst du, Gunnar, entsagen
    Mir zumal und meinen Landen.
    Nicht froh hinfort, werd ich, Fürst, bei dir.
  11. Dahin will ich wieder wo ich war zuvor,
    Zu meinen Freunden und nächsten Vettern.
    Da will ich sitzen, verschlafen mein Leben,
    So du den Sigurd nicht sterben lassest
    Und vielen Fürsten furchtbar gebietest.
  12. Fort mit dem Vater fahre der Sohn:
    Unweise war es den jungen Wolf ziehn.
    Welchem Manne wird die Mordbuße
    Zu sanfter Sühne bei des Sohnes Leben?"
  13. Trübe ward Gunnar und trauervoll,
    Schwankendes Sinnes saß er den langen Tag:
    Immer noch wußt er nicht für gewiß
    Was ihm am meisten möchte geziemen,
    Was ihm zu tun das Tauglichste wäre:
    Er wußte, des Wölsungs würd er beraubt,
    Und konnte Sigurds Verlust nicht verschmerzen.
  14. Gleich lange bedacht er dieses wie jenes.
    Das war selten geschehen vordem,
    Daß der Königswürde ein Weib entsagte.
    Da hieß er den Högni heischen zum Gespräch,
    Denn volles Vertrauen trug er zu dem.
  15. Gunnar:
    Mir ist Brünhild, Budlis Tochter,
    Lieber als alle, die edelste Frau,
    Das Leben lieber will ich lassen
    Als der Schönen entsagen und ihren Schätzen.
  16. Hilfst du uns, Högni, den Helden berauben?
    Gut ist des Rheines Gold zu besitzen,
    In Freude zu walten des vielen Gutes
    Und ganz in Ruhe des Glücks zu genießen. -
  17. Aber Högni gab ihm zur Antwort:
    "Das zu vollbringen gebührt uns nicht:
    Mit dem Schwert zu brechen geschworne Eide,
    Geschworne Eide, besiegelte Treu!
  18. Wir wissen auf der Welt nicht so Glückliche wohnen
    So lange wir viere das Volk beherrschen
    Und hier der hunnische Herrscher lebt,
    Noch irgend auf Erden so edle Sippe.
    Wenn ferner wir fünf noch Fürsten zeugten,
    Wir stürzten die Götter von den Herrscherstühlen.
  19. Ich weiß von wannen die Wege laufen:
    Brünhild quält dich: du kannst sie nicht stillen."
  20. Gunnar:
    Wir wollen den Guthorm gewinnen zum Morde,
    Den Jüngern Bruder, der bar ist des Witzes:
    Er hat nicht Anteil an Eiden und Schwüren,
    Eiden und Schwüren, besiegelter Treu. -
  21. Leicht aufzureizen war der Übermütige:
    Da stand dem Sigurd der Stahl im Herzen.
  22. Rasch hob sich der Recke zur Rache im Saal
    Und warf den Ger nach dem Mordgierigen:
    Nach Guthorm flog, dem Fürsten, kräftig
    Das glänzende Eisen aus des Edlings Hand.
  23. Entzweigespaltet sank sein Feind:
    Haupt und Hände hinflogen weit,
    Der Füße Teil fiel flach auf den Boden.
  24. Gudrun lag, die Gute, schlafend
    An Sigurds Seite sorgenlos;
    Ihr Erwachen war der Wonne ledig:
    Sie floß in Freyrs Freundes Blut.
  25. Da schlug sie so stark zusammen die Hände,
    Der Hartgeherzte erhob im Bette sich:
    "Gräme dich, Gudrun, so grimmig nicht,
    Blutjunge Braut: deine Brüder leben.
  26. Einen Erben hab ich, allzujungen
    Fern zu fliehn aus der Feinde Haus.
    Die Helden haben unheimlichen, schwarzen
    Neumondsrat nächtlich erdacht.
  27. Ihnen zeltet schwerlich nun, und zeugtest du sieben,
    Solch ein Schwestersohn zum Thing.
    Wohl weiß ich wie es bewandt ist:
    Alle des Unheils Ursach ist Brünhild.
  28. Mich liebte die Maid vor den Männern all;
    Nichts hab ich gegen Gunnarn getan.
    Ich schirmte die Sippe, geschworne Eide;
    Doch heiß ich der Friedel nun seiner Frau."
  29. Die Königin stöhnte, der König erstarb.
    Sie schlug so stark zusammen die Hände,
    Daß auf dem Brette die Becher erklangen,
    Und hell die Gänse im Hofe kreischten.
  30. Da lachte Brünhild, Budlis Tochter,
    Aus ganzem Herzen heute noch einmal,
    Denn bis an ihr Bette durchbrach den Raum
    Der gellende Schrei der Giukistochter.
  31. Anhub da Gunnar, der Habichte Fürst:
    "Schlag kein Gelächter auf. Schadenfrohe,
    Heiter in der Halle als brächt es dir Heil.
    Wie hast du verloren die lautere Farbe,
    Verderbenstifterin, die selbst wohl verdirbt!
  32. Du wärest würdig, Weib, daß wir hier
    Dir vor den Augen den Atli erschlügen,
    Daß du sähst an dem Bruder blutige Wunden,
    Quellende Wunden du könntest verbinden."
  33. Da sprach Brünhild, Budlis Tochter:
    "Wer reizt dich, Gunnar? Gerochen hast du dich.
    Den Atli ängstet deine Abgunst nicht:
    Er wird am längsten leben von euch beiden
    Und immer mehr vermögen als du.
  34. Laß dir sagen, Gunnar, du selber zwar weißt es,
    Wie rasch ihr euch, Recken, berietet zur Tat.
    Alljung saß ich und ohne Sorgen
    Mit herrlicher Habe im Hause des Bruders.
  35. Nicht war mir Not, daß ein Mann mich nähme,
    Als ihr Söhne Giukis uns erschient im Hof,
    Auf Hengsten ihr drei Herrscher der Völker;
    Wahrlich mir frommte wenig die Fahrt!
  36. Verheißen hätt ich mich dem hehren König,
    Der mit Golde saß auf Granis Rücken.
    Nicht war er euch an den Augen gleich,
    Nicht von Antlitz in einem Stücke,
    Obwohl Volkskönige euch wähnet auch ihr.
  37. Doch sagte Atli mir das allein,
    Er gäbe die Hälfte der Habe mir nicht,
    Der Macht noch des Goldes, vermählt denn war ich.
    Auch würde mir nichts des erworbenen Guts,
    Das schon der Vater früh mir schenkte,
    Des Goldes und Gutes, das er gab dem Kind.
  38. Da schwankte mein Sinn unentschieden zuerst,
    Ob ich fechten sollte und Männer fällen
    In blanker Brünne um des Bruders Unglimpf.
    Das hätte das Volk erfahren mit Schrecken,
    Manchem Mann hätt es den Mut beschwert.
  39. Da ging ich gern den Vergleich mit ihm ein.
    Doch hätt ich lieber den Hort genommen,
    Die roten Spangen von Sigmunds Erben.
    Nicht mocht ich eines andern Mannes Schätze:
    Den einen liebt ich, nicht andre mehr;
    Die Maid war nicht wankelmutigen Sinns.
  40. Dies alles wird Atli dereinst befinden,
    Hört er von meinem mordlichen Tod.
    Denn wie soll ein edel geartetes Weib
    Das Leben führen mit fremdem Manne?
    Da wird mir bald gebüßt das Leid."
  41. Auf stand Gunnar, der Giukunge Trost,
    Und schlang die Hände um den Hals der Frau.
    Sie gingen alle und einzeln ein jeder
    Aufrichtigen Herzens ihr abzuwehren.
  42. Doch sich vom Halse hielt sie Gunnarn,
    Ließ sich niemand verleiden den langen Gang.
  43. Da hieß er den Högni heischen zum Gespräche:
    "Es sollen zusammen in den Saal gehn die Männer,
    Deine mit meinen - uns drängt die Not -
    Ob sie wehren mögen dem Mord der Frau
    Eh es vom Sprechen zu Schlimmerm kommt;
    Mag hernach geschehen was muß und kann."
  44. Aber Högni gab ihm zur Antwort:
    "Verleid ihr niemand den langen Gang
    Und werde sie nimmer wiedergeboren!
    Sie kam schon krank vor die Knie der Mutter;
    Zu allem Bösen geboren ist sie uns,
    Manchem Manne zu trübem Mute!"
  45. Unwillig wandt er sich weg vom Gespräche,
    Wo die schmuckreiche die Schätze verteilte.
    Da standen sie alle um ihre Habe,
    Bedürftige Dirnen und Dienstweiber.
  46. Der goldgepanzerten war nicht gut zu Mut,
    Da sie sich durchstach mit des Stahles Schärfe.
    Mit einer Seite sank sie aufs Polster;
    Die dolchdurchdrungene dacht auf Rat:
  47. "Nun geht herzu, die Gold wollen
    Und minderes Gut von mir erlangen;
    Ich gebe jeder goldroten Halsschmuck,
    Schleif und Schleier und schimmernd Gewand."
  48. Alle schwiegen sie und sannen auf Rat,
    Bis endlich zur Antwort sie einstimmig gaben:
    "Wie dürftig wir seien, wir wollen doch leben,
    Saalweiber bleiben und tun was gebührt."
  49. Sinnend sprach die linnengeschmückte
    Jung von Jahren jetzt das Wort:
    "Nicht eine soll ungern und unbereit
    Sterben müssen um meinetwillen.
  50. Doch brennt auf euern Gebeinen dereinst
    Karge Zier, kommt ihr zu sterben
    Und mich heimzusuchen, nicht herrliches Gut.
  51. Sitze nun, Gunnar, ich will dir sagen,
    Ich lebensmüde, dein lichtes Gemahl.
    Nicht liegt euch im Sunde das Schiff geborgen,
    Ob ich das Leben verloren habe.
  52. Schneller als du denkst versöhnt sich dir Gudrun.
    Die kluge Königin hat bei dem König (Alf)
    Trübe Gedanken an den toten Gemahl.
  53. Eine Maid wird geboren aus Mutterschoße:
    Heller traun als der lichte Tag,
    Als der Sonnenstrahl wird Swanhild sein.
  54. Einem Helden geben wirst du Gudrunen,
    Die mit Geschossen die Krieger schädigt.
    Nicht nach Wunsch wird sie vermählt:
    Atli soll sie zur Ehe nehmen,
    Budlis Geborner, der Bruder mein.
  55. An manches muß ich denken wie ihr mich berietet:
    Heillos habt ihr mich hintergangen.
    Aller Lust war ich ledig solang ich lebte.
  56. Oddrunen willst du zu eigen haben;
    Aber Atli gibt sie zur Ehe dir nicht:
    Da werdet ihr heimlich zusammenhalten.
    Sie wird dich lieben, wie ich dich würde,
    Hätte das Schicksal uns solches gegönnt.
  57. Dich wird Atli übel strafen:
    In die wüste Wurmhöhle wirst du gelegt.
  58. Danach unlange ereignet es sich,
    Daß Atli argen Ausgang nimmt,
    Sein Glück verliert, das Leben einbüßt.
    Ihn tötet die grimme Gudrun im Bette
    Mit scharfem Schwert, die schwerbetrübte.
  59. Schicklicher stiege eure Schwester Gudrun
    Heut auf den Holzstoß mit dem Herrn und Gemahl,
    Gäben ihr gute Geister den Rat
    Oder besäße sie unsern Sinn.
  60. Schwer sprech ich schon; doch soll Gudrun
    Durch unsre Abgunst nicht untergehn.
    Von hohen Wellen gehoben treibt sie
    Zu jenem jähen, Jonakursstrand.
  61. Unentschieden sind die Söhne Jonakurs;
    Swanhilden sendet sie selbst aus dem Lande,
    Die dem Sigurd entsproß und ihrem Schoß;
    Da rauben ihr Bickis Räte das Leben,
    Denn Unheil hängt über Jörmunreks Haus.
    So ist Sigurds Geschlecht vernichtet,
    So größer und grimmer Gudruns Leid.
  62. Eine Bitte bitten will ich dich;
    Ich laß es im Leben die letzte sein:
    Eine breite Burg erbau auf dem Felde,
    Daß darauf uns allen Raum sei,
    Die samt Sigurden zu sterben kamen.
  63. Die Burg umzieht mit Zelten und Schilden
    Erlesnem Geleit und Leichengewand,
    Und brennt mir der Hunnen Gebieter zur Seite.
  64. Dem Hunnengebieter brennt zur Seite
    Meine Knechte mit kostbaren Ketten geschmückt:
    Zwei ihm zu Häupten und zwei zu den Füßen,
    Dazu zwei Hunde und der Habichte zwei.
    Also ist alles eben verteilt.
  65. Bei uns blinke das beißende Schwert,
    Das ringgezierte, so zwischen gelegt
    Wie da wir beiden ein Bette bestiegen
    Und man uns nannte mit ehlichem Namen.
  66. So fällt dem Fürsten auf die Ferse nicht
    Die Pforte des Saals, die goldgeschmückte,
    Wenn auf dem Fuß ihm folgt mein Leichengefolge.
    Unsere Fahrt wird nicht ärmlich sein.
  67. Ihm folgen mit mir der Mägde fünf,
    Dazu acht Knechte edeln Geschlechts,
    Meine Milchbrüder mit mir erwachsen,
    Die seinem Kinde Budli geschenkt.
  68. Manches sprach ich; mehr noch sagt ich,
    Gönnte zur Rede der Gott mir Raum.
    Die Stimme versagt, die Wunden schwellen;
    Die Wahrheit sagt ich, so gewiß ich sterbe."

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